„MIT FÜNF MARK SIND SIE DABEI!“
itte des Sommers 1974 erreichte die Buchverteilung in Deutschland ungeahnte Höhen. Prabhupādas Besuch hatte den ohnehin feurigen Predigergeist seiner Schüler weiter angefacht, und jede Woche verteilten sie Tausende von Büchern und Schallplatten. In seinem GBC-Bericht fügte Hansadutta die Vergrößerung eines Fotos seines spirituellen Meisters bei, das er für das Cover des Doppelalbums verwenden wollte, das auf Schloss Rettershof aufgenommen worden war. Prabhupāda, der sich gern an seinen Besuch erinnerte, ermutigte Hansadutta, den Predigergeist kraftvoll voranzutreiben: Das Foto, das du geschickt hast, ist sehr schön. Ich lasse es einrahmen. Mein Besuch in Deutschland hat mir große Hoffnung gemacht. Es gibt dort ein weites Feld für das Predigen des Kṛṣṇa-Bewusstseins. Die Menschen dort sind sehr intelligent. Sie sind bereit, die höchste Wahrheit zu akzeptieren. Deutschland war schon immer berühmt für seine intelligente Bevölkerung. Du bist ebenfalls bestens geeignet, diesen Kult in Deutschland zu verbreiten. Es wird ein großer Erfolg werden. Sorge dafür, dass die Deutschen diese Bewegung ernst nehmen. Nutze das Geld, das du sammelst, um mehr und mehr Bücher in deutscher Sprache zu drucken, und verteile unsere deutschen Bücher in großem Stil. M
Hansadutta bat Prabhupāda zudem um weitere Anweisungen zur Gründung einer landwirtschaftlichen Gemeinde, doch Prabhupāda verwies ihn schlicht darauf, dem Beispiel der bereits erfolgreichen Farmprojekte zu folgen: Was den Bauernhof betrifft, so ist New Vrindaban das Vorbild. Kīrtanānanda Mahārāja hat dort alles sehr gut organisiert. Du kannst demselben Prinzip folgen und etwas Ähnliches in Deutschland aufbauen. Die Menschen können ein unbeschwertes Leben führen, wenn sie sich mit Nahrungsmitteln vom Feld und Milchprodukten selbst versorgen. Bei unseren Spaziergängen in der Umgebung des Schlosses war ich so froh, die landwirtschaftlichen Betriebe und die Kühe zu sehen. Leider schlachten sie die Kühe. Wenn wir also ein Bauerngut organisieren können, wo keine Tiere getötet werden, dann wird das ein großartiges Beispiel sein. Wenn wir die Kühe leben lassen, anstatt sie zu töten, erhalten wir so viele nahrhafte, vitaminreiche Lebensmittel. Ich habe in New Vrindaban gesehen, wie glücklich unsere Mitglieder dort leben – mit frischer Luft, frischem Gemüse und reichlich Milch. Ein einfaches Leben in Hütten. Was will man mehr? Wir sollten die Pflege des Körpers nicht vernachlässigen, und wir sollten Zeit sparen, um Hare Kṛṣṇa zu chanten. Diese Mission sollte verbreitet werden. Spart Zeit und chantet Hare Kṛṣṇa. Da sich Prabhupāda bewusst war, dass Hansadutta enorme Summen sammelte, warnte er ihn davor, eigenmächtig zu handeln, wie es ein anderes GBC-Mitglied getan und sich in fragwürdige Geschäfte verwickelt hatte: Veröffentliche nun alle unsere Bücher in deutscher Sprache und verteile sie. Kṛṣṇa wird dir in jeder Hinsicht helfen. Die Einnahmen des BBT sollten zu 50% für Publikationen und zu 50% für den Bau von Tempeln verwendet werden. Momentan laufen die Projekte in Mayapur und Vrindaban; sobald also überschüssiges Geld vorhanden ist, sollte es dort eingesetzt werden. Nicht ein einziger Pfennig sollte in irgendwelche Geschäftsideen investiert werden. Zuvor wurde dies ohne meine Genehmigung getan. Sei also vorsichtig. Prabhupāda warnte Hansadutta, den Vertrieb von Schallplatten nicht überzubewerten. Mit der Veröffentlichung von Kṛṣṇa Meditation wurden in Deutschland mittlerweile sieben LPs vertrieben, demgegenüber standen jedoch nur fünf Bücher:
Was Schallplatten betrifft, so ist das eine eher sentimentale Angelegenheit. Die Leute kaufen eine Platte, hören sie eine Zeit lang, legen sie dann weg und kaufen eine andere. Ein Buch hingegen ist ein bleibender Wert, und wenn jemand auch nur eine einzige Zeile liest, ist er gesegnet. Was den Druck betrifft, so spielt es keine Rolle, wo du unsere deutschen Bücher drucken lässt. Sorge dich nicht, ob die Kosten etwas höher oder niedriger sind. Drucke dort, wo es gerade günstig ist. Es geht uns nicht hauptsächlich um Gewinn. Wichtig ist ein guter Druck und ein schöner Einband, damit die Menschen beeindruckt sind. Der Verkauf eines Buches statt einer Schallplatte ist ein solider Verkauf. Es erwies sich für Hansadutta jedoch als schwierig, den Schallplattenvertrieb einzuschränken, da ein Großteil der Einnahmen genau aus diesen Verkäufen stammte. Während des jährlichen Mayapur-Festivals im März entwickelte er jedoch einen Plan, um die Einkünfte über alle Erwartungen hinaus zu vervielfachen. Prabhupāda hatte den Verwaltern des Tempels in Mayapur ans Herz gelegt, dafür zu sorgen, dass im Umkreis von zehn Kilometern niemand hungern solle. So wurde ISKCON Food Relief (die ISKCON-Hungerhilfe) ins Leben gerufen. Jeden Monat verteilten die Gottgeweihten an viele Tausend Menschen prasādam. Hansadutta ließ Fotos von Geweihten machen, die indische Kinder im Arm hielten, und entwarf damit eine Anzeige für das deutsche Zurück zu Gottheit. Die Menschen wurden gebeten, fünf oder zehn Mark zu spenden, womit dann fünfzig oder hundert Kinder ernährt werden konnten. Später entwickelten die Gottgeweihten daraus den Slogan: „Mit fünf Mark sind Sie dabei!“ Hansadutta überwies schließlich 40.000 DM für den Bau eines Speisepavillons in Mayapur, doch das war ein relativ kleiner Betrag im Vergleich zu den Gesamteinnahmen. Hansadutta hatte neben dem Druck von Büchern und dem Kauf des Schlosses noch andere Pläne. Er beabsichtigte, einen abgelegenen Bauernhof zu kaufen und eine autarke Gemeinschaft auf der Grundlage des Varṇāśrama-Systems zu entwickeln. Er fürchtete einen baldigen Weltkrieg sowie wirtschaftliches Chaos und wollte vorbereitet sein. Als Prabhupāda merkte, dass Hansadutta seine Aufmerksamkeit zu sehr in diese Richtung lenkte, mahnte er ihn zur Vorsicht:
Ja, wir müssen unser Geld in Bücher und Land investieren, aber es wird keinen Zusammenbruch geben, wie du befürchtest. Alles wird durch Kṛṣṇas Gnade geregelt werden. Ich habe erlebt, wie in Kalkutta erstklassiger Reis für 8 Paisa pro Kilo verkauft wurde, und jetzt kostet er 8 Rupien. Das Kilo Reis ist also 64-mal teurer, aber die Menschen essen immer noch Reis. Sogar Bettler haben zu essen und leben. Das bedeutet, dass sowohl der Bettler auf dem Gehweg als auch der Reiche im 30. Stock eines Wolkenkratzers Reis essen, während die Inflation zunimmt. Von Menschen gemachte Gesetze können Kṛṣṇas Pläne nicht durchkreuzen. Lass uns daher besser bei Kṛṣṇa Schutz suchen und völlig von Ihm abhängig sein; dann werden uns all die von Menschen verursachten Schwierigkeiten nichts anhaben können. Eine Farmgemeinschaft zu gründen, ist nicht unbedingt erforderlich, aber wenn du es ohne große Umstände arrangieren kannst, dann tu es. Das Varnashrama-System ist eine praktische Einrichtung in der materiellen Welt, aber es hat nichts mit spirituellem Leben zu tun. Die Einführung von Varnashrama hat das Ziel, den Menschen den Fortschritt im spirituellen Leben zu erleichtern; ansonsten hat es für uns keine Bedeutung. Zum Beispiel haben alle meine europäischen und amerikanischen Schüler keine Varnashrama-Position, aber weil sie den Regeln und Vorschriften sowie meinen Anweisungen folgen, wird ihr spiritueller Fortschritt von jedem gewürdigt. Bedenke immer, dass das Varnashrama-Leben ein gutes Programm für das materielle Leben ist und im spirituellen Leben hilfreich sein kann, aber spirituelles Leben ist nicht davon abhängig. RAVAṆĀRĪ DĀSA: Ich wurde 1947 in Akko geboren, einer Stadt nördlich von Haifa an der Mittelmeerküste. Die Stadt war seit 1922 Teil Palästinas, wurde aber 1948 von israelischen Truppen besetzt. Schon früher hatte es Konflikte zwischen der palästinensischen und der israelischen Bevölkerung gegeben, und meine Eltern beschlossen daher, Akko zu verlassen und in den benachbarten Libanon zu ziehen. Nach meinem Hochschulabschluss im Jahr 1967 entschied ich mich, statt wie viele meiner Freunde in Ägypten zu studieren, nach Europa zu gehen. Also reiste ich mit dem Zug nach England und blieb dort ein Jahr lang, nachdem ich ein Stipendium für ein Englischstudium erhalten hatte. Dann beschloss ich jedoch, nach Beirut zurückzukehren. Kurz nach meiner Ankunft schloss ich mich der PLO an, der Palästinensischen Befreiungsorganisation, und wurde nach einiger Zeit Kommandeur der dritten
Verteidigungslinie. Da wir in einem ruhigen Gebiet stationiert waren, wurden wir nie in direkte Kämpfe verwickelt. 1971 spielte ich mit dem Gedanken, nach Europa zurückzukehren. Als ich von einem Angebot hörte, mit der Aeroflot für nur 300 Dollar nach OstBerlin zu fliegen, ergriff ich die Gelegenheit. Von dort gelang es mir, nach West-Berlin und später nach Westdeutschland zu reisen, wo ich mich in Nürnberg niederließ und Asyl beantragte. Etwa ein Jahr später heiratete ich ein deutsches Mädchen und wurde Vater einer Tochter. Eines Tages im Frühjahr 1973 sah ich in einem Teehaus eine Zeitschrift mit dem Titel Zurück zur Gottheit auf einem der Tische liegen. Ich blätterte darin und stieß auf einen Artikel von Hansadutta, der schrieb: „Wir kennen Gott, und wir kennen sogar Seine Telefonnummer.“ Ich hatte so etwas noch nie gehört – dass jemand behauptete, Gott zu kennen, geschweige denn Seine Telefonnummer. Mein Interesse war geweckt, also nahm ich das Magazin mit nach Hause. Ich wollte jedes Wort lesen und herausfinden, wie Gottes Telefonnummer lautete. Zumindest, so dachte ich, muss dieser Autor etwas wissen, das ich nicht weiß Auf der letzten Seite befand sich eine Liste von Prabhupādas deutschen Büchern, und ich beschloss, alle zu bestellen. Innerhalb einer Woche erhielt ich die Īśopaniṣad, Jenseits von Zeit und Raum und Die Quelle aller Freude. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt bereits Grundkenntnisse in Deutsch erworben hatte, fiel es mir schwer, die Philosophie zu verstehen. Aber ich war hartnäckig und saß den ganzen Tag mit der Īśopaniṣad da und studierte jedes Wort. Langsam begann ich zu verstehen, was Prabhupāda sagte, und ich hatte den Eindruck, dass alles, was er schrieb, die Wahrheit war. Am Ende des Buches gab es einen Artikel über ISKCON und den Alltag der Geweihten Kṛṣṇas, in dem stand, dass jeder willkommen sei, sich anzuschließen. Ich war begeistert zu lesen, dass jeder – ungeachtet seines Hintergrunds oder Glaubens – teilnehmen konnte. So entschied ich mich, dieser Gruppe beizutreten. Im Sommer fuhr ich erst nach Berlin und dann nach Hamburg, um die Gottgeweihten näher kennenzulernen. Sie behandelten mich sehr freundlich. Als ich nach Nürnberg zurückkehrte, erklärte ich meiner Frau alles und schlug ihr vor, dem Tempel beizutreten. Sie stand der Idee offen gegenüber, und kurz darauf gingen wir nach Berlin, wo wir dem Tempel beitraten. Meine Frau wusste zuvor nichts über Kṛṣṇa-Bewusstsein, aber ihr gefiel alles daran und sie lebte sich sehr schnell ein. Im April 1974 wurde ich per Post eingeweiht und erhielt den Namen Rāvaṇārī Dāsa. Meine Frau wurde während Prabhupādas Besuch im Juni von ihm persönlich als Svakīya Devī Dāsī eingeweiht.
DĪNAŚARAṆA DEVĪ DĀSĪ: Als ich acht Jahre alt war, begleitete ich meinen Vater in die Sahara-Wüste. Er war Architekt und arbeitete an einigen Projekten in Nordafrika. Da mein Vater die meiste Zeit beschäftigt war, verbrachte ich viele Stunden allein und hatte daher viel Zeit zum Nachdenken. Irgendwann kam mir der Gedanke: „Wenn es Gott gibt, dann möchte ich wissen, wer Er ist, wie Er aussieht, wo Er lebt und was Er macht. Die Menschen reden über Gott, und wenn Er wirklich existiert, möchte ich all diese Dinge wissen.“ In der Wüste gibt es nicht viel Wasser, aber dort, wo wir wohnten, gab es einen kleinen Tümpel. Ich überlegte mir: „Ich werde von diesem Wasser trinken, und wenn Gott existiert, dann werde ich nicht krank werden.“ Aus irgendeinem Grund war ich in einer herausfordernden Stimmung. Also trank ich aus dem Tümpel – und wurde nicht krank. Ich sah es als ein Zeichen des Herrn. Viele Jahre später, als ich eine emotional schwierige Zeit durchlebte, die mich erneut über den Sinn des Lebens nachdenken ließ, schrieb ich meiner Mutter einen Brief, in dem ich ankündigte, dass ich das Elternhaus verlassen und nach der Absoluten Wahrheit suchen wollte. In einer Zeitschrift hatte ich in einem Artikel gelesen, dass alle spirituelle Weisheit in Indien zu finden sei. Also reiste ich nach Indien und wanderte zwei Jahre lang zu Fuß durch den ganzen Subkontinent auf der Suche nach der Wahrheit. Irgendwie geriet ich während dieser ganzen Zeit nie in Gefahr – was bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, dass es für eine junge Frau überhaupt nicht ratsam ist, allein zu reisen geschweige denn in Indien. In Sri Lanka trat ich in ein buddhistisches Kloster ein. Ich kam mitten in der Nacht an und wurde zuerst abgewiesen, weil Frauen nicht zugelassen waren. Da es jedoch schon so spät war, durfte ich unter der Bedingung
bleiben, dass ich am frühen Morgen wieder gehen würde. Am Morgen jedoch sagte man mir, der Oberlama wolle mich sprechen. Er fragte mich, was das Ziel meiner Reise sei, und als ich ihm antwortete, dass ich auf der Suche nach der Wahrheit sei, bot er mir an, mir die Wahrheit zu zeigen, allerdings müsse ich seinen Anweisungen folgen. Neben dem Hauptgebäude gab es ein kleineres Haus im Park, das früher für Nonnen genutzt worden war. Ich durfte in einem der Zimmer bleiben. Die Anweisung lautete, achtzehn Stunden am Tag zu meditieren. Ich durfte weder lesen, sprechen noch arbeiten, nur meditieren. Die Meditation bestand darin, beim Einund Ausatmen meine Gedanken zu beobachten. Nach einiger Zeit dachte ich: „Entweder ich drehe durch oder ich werde erleuchtet.“ Nach etwa einer Woche verließ ich den Ort heimlich, ohne jemandem Bescheid zu sagen, und setzte meine Reise durch Indien fort. Ich besuchte viele heilige Stätten, fand aber ohne richtige Führung nicht, wonach ich suchte. Deshalb beschloss ich irgendwann, nach Deutschland zurückzukehren. Bevor ich Indien verließ, hatte ich jedoch das Gefühl, ich sollte eine Art Andenken mitnehmen – etwas, das mich an meinen Aufenthalt erinnern würde. Da ich nichts Schweres mitnehmen wollte, riss ich die erste Seite eines Kalenders ab, der in meinem Zimmer hing. Später in Deutschland hängte ich dieses Bild an die Wand meines Zimmers. Nach meiner Rückkehr ging ich nach Berlin und begann ein intensives Yoga-Studium. Ich praktizierte täglich etwa zwölf Stunden und wurde im Laufe der Zeit so geübt, dass ich meine eigene Yogaschule eröffnete. Eines Tages, als ich mich zur Meditation hinsetzte, fühlte ich mich unruhig und konnte meinen Geist nicht konzentrieren. Ich versuchte krampfhaft, mich mit geschlossenen Augen dazu zu zwingen, aber auch das funktionierte nicht. Plötzlich hatte ich das Gefühl, als würde ein helles Licht das ganze Zimmer durchfluten. Ich öffnete die Augen und sah, dass ich genau vor dem Bild saß, das ich aus Indien mitgebracht hatte. Es schien zu leuchten, als würden Sonnenstrahlen davon ausgehen. Ich schaute es an und wunderte mich: „Das ist ein so schönes Bild, aber warum hat der kleine Junge eine blaue Haut, eine goldene Krone und eine Flöte in der Hand?“ Jedes Mal, wenn ich jemandem von meiner Indienreise und meiner Suche nach der Wahrheit erzählte, betonte ich, dass ich nichts gefunden hätte und mit leeren Händen zurückgekommen sei. Das Einzige, was ich mitgebracht hatte, war eine Seite aus einem indischen Kalender. Ausgerechnet Kṛṣṇa war es, der sich irgendwie in meinen Rucksack geschmuggelt hatte und mich zurück nach Deutschland begleitete. Anfang 1974 lud mich eine Freundin ein, sie zum Hare-Kṛṣṇa-Tempel in Berlin zum Sonntagsfest zu begleiten. Während ich dem Vortrag zuhörte, wurde mir plötzlich alles klar. Ich hatte das Gefühl, endlich die Antworten auf all die Fragen zu erhalten, die ich mir seit meinem achten Lebensjahr gestellt hatte.
HANSADUTTA DĀSA: Karandhara hatte Anfang 1974 seinen Posten als BBTTrustee aufgegeben, wodurch eine Vakanz entstanden war. Eines Tages rief Prabhupāda mich zu sich und sagte: „Ich möchte dich zum BBT-Trustee ernennen.“ Ich verstand sofort, dass dies ein sehr vertraulicher Dienst war, vertraulicher als jeder andere, weil er mit der Veröffentlichung und Verteilung seiner Bücher zu tun hatte. Der Trust war rechtlich von ISKCON getrennt, und Prabhupāda war persönlich Mitglied dieses Trusts. Ich war wirklich erstaunt, dass er gerade mich fragte. Ich sagte: „Aber Prabhupāda, du hast so viele Schüler, die studiert haben und sogar akademische Grade besitzen; sie sind gebildet, aber ich habe nicht einmal einen Schulabschluss. Warum ausgerechnet ich?“ Er antwortete: „Weil du, ohne dass ich dich darum gebeten habe, meine Bücher gedruckt und verteilt hast. Du hast von Anfang an die Bedeutung meiner Bücher erkannt.“ Er bezog sich auf meine spontane Intiative, 1967 in Montreal Easy Journey to Other Planets zu drucken und zu verteilen. Dann fügte er hinzu: „Die Gottgeweihten mögen scheitern, die Tempel mögen schließen, aber meine Bücher werden fortbestehen.“ *** Hansadutta pflegte Śrīla Prabhupāda über alle seine Schritte zu informieren. Doch seine jüngste Erfolgsserie und Prabhupādas offenkundige Zufriedenheit mit ihm schienen ihn allzu selbstsicher gemacht zu haben. Er traf eine Reihe fragwürdiger Entscheidungen auf eigene Faust. Als Prabhupāda mehrere Briefe von besorgten Schülern erhielt, wies er Hansadutta scharf zurecht: Warum hast du den Tempel in Edinburgh geschlossen, ohne mich zu fragen? Handle niemals eigenmächtig, ohne mich zu konsultieren. Ich habe den GBC
geschaffen, um mich zu entlasten; aber wenn du so handelst, wo bleibt dann die Entlastung? Das bereitet mir nur Sorgen. Das Problem ist: Sobald jemand Macht bekommt, wird er eigenwillig und ruiniert alles. Ich bin nicht dafür, auch nur den kleinsten Tempel zu schließen. Es ist kein Spielerei, einen Tempel zu schließen oder zu eröffnen. Wenn wir einen Tempel eröffnen, laden wir Kṛṣṇa ein. Du kannst Kṛṣṇa nicht auffordern: „Jetzt geh wieder.“ Du hast anscheinend kein Gefühl dafür, was die eigentliche Bedeutung eines Tempels ist. Einen Temple zu schließen, ist ein schweres Vergehen. Bevor man einen Tempel eröffnet, kann man es sich hundertmal überlegen, aber wenn er einmal eröffnet ist, darf man ihn nicht wieder schließen. Er muss erhalten werden. Prabhupāda schrieb diesen Brief am 12. September 1974. Zwei Wochen später erhielt er einen Bericht von Hansadutta, den dieser geschrieben hatte, bevor er Prabhupādas Antwort erhalten hatte, und in dem er die Gründe für sein Handeln darlegte. Prabhupāda antwortete umgehend: Was die Schließung von Tempeln betrifft: Es gibt keinen Grund, einen Tempel zu schließen. Du hast einen großen Fehler gemacht. Ich lege eine Kopie des Briefes bei, den ich dir diesbezüglich geschrieben habe. Bevor wir einen Tempel eröffnen, müssen wir uns die Sache gründlich überlegen, aber einmal eröffnet, darf er nicht wieder geschlossen werden. Das ist ein Debakel. Was du getan hast, ist unter keinen Umständen erlaubt. Ich bin sehr enttäuscht, Du hast mich nicht einmal um Erlaubnis gefragt. Warum? Jetzt willst du einen Bauernhof kaufen, aber kannst du ihn bewirtschaften? Warum schließt du alle Tempel und eröffnest dann einen Bauernhof? Hast du genügend Leute, um einen Bauernhof zu unterhalten? Warum kaufst du einen Bauernhof? Drei Tage später erhielt Prabhupāda zwei Briefe von Hansadutta, in denen er sich für sein unbesonnenes Verhalten entschuldigte. Daraufhin gab er seinem Schüler folgende Anweisungen: Bezüglich des Edinburgh-Tempels: Ja, er sollte wieder eröffnet werden. Tempelverehrung bedeutet, Kṛṣṇa persönlich einzuladen, und Er kommt persönlich. Deshalb muss die Voraussetzung für eine ordnungsgemäße Tempelverehrung vorhanden sein, bevor man überhaupt einen Tempel eröffnet. In Vṛndāvana gibt es viele Tempel, die von den Gosvāmīs gegründet wurden. Aber selbst wenn sie jetzt baufällig sind, werden sie nicht geschlossen.
Die Tempelleiter häufen vielleicht Schulden auf Schulden an, und das Tempelgebäude mag praktisch zusammenfallen, aber die Verehrung der Murtis, der Altargestalten, geht irgendwie weiter. Das ist das Prinzip. In Deutschland musst du dasselbe Prinzip befolgen. Einmal eröffnet, darf ein Tempel nicht wieder geschlossen werden. Irgendwie musst du es schaffen, die Tempelverehrung aufrechtzuerhalten. Daran erkennt man wahre Hingabe. Wenn ein Tempel bereits geschlossen ist und es unmöglich ist, ihn wieder zu eröffnen, dann kann man nichts machen. Und wenn keine Altargestalten vorhanden sind, dann ist es nicht so schlimm. Wenn möglich, eröffne den Hamburger Tempel wieder und bringe die Altargestalten zurück und verehre sie. Ein Tempel ohne Murtis kann geschlossen werden, aber ein Tempel mit Murtis zu schließen ist ein schweres Vergehen. Eine Altargestalt ist keine Götzenfigur; sie ist Kṛṣṇa. Wir können Kṛṣṇa nicht auffordern: „Jetzt geh weg.“ Doch so enttäuscht Prabhupāda auch war, er vergaß Hansaduttas wertvollen Dienst nicht und dankte ihm für seine Bemühungen: Es freut mich zu hören, dass sich die Gita gut verkauft und dass neue Bücher erscheinen. Deshalb habe ich dich zum BBT-Trustee ernannt: um so viele Bücher wie möglich in deutscher Sprache zu veröffentlichen. Es ist in Ordnung, dass ein Haupttempel dort bleiben soll und von dort aus die Predigt weitergehen kann, aber eröffne keinen neue Tempel, ohne dir sicher zu sein, dass du sie aufrechterhalten kannst. Dieses Prinzip muss strikt befolgt werden. Die Verkaufszahlen der Bücher sind sehr ermutigend; sie nehmen ständig zu. Das ist eine sehr gute Nachricht. Danke, das ist es, was ich will. Der Verkauf von Schallplatten ist eine vorübergehende Sache. Selbst George Harrisons Schallplattenverkäufe halten nicht lange an. Aber ein verkauftes Buch wird zu einer dauerhaften Quelle der Freude. Wir lesen die Schriften immer wieder, und sie bleiben frisch. Wenn ich Zeit habe, lese ich sogar meine eigenen Bücher. Prabhupāda lobte Hansadutta dafür, dass er in seinem Brief Gefühle der Unwürdigkeit und Hingabe zum Ausdruck gebracht hatte. Er versicherte ihm, dass er rein bleiben und stets von Kṛṣṇa beschützt werden könne, wenn er diese Haltung beibehalte. Er riet ihm: „Folge immer meinen Anweisungen und meinem Beispiel. Das sollte dein Leben und deine Seele sein.“ Doch ein anderes Thema erregte die Besorgnis vieler von Hansaduttas Gottbrüdern. Besonders in Deutschland, aber auch in England, hatte
Hansadutta eine Gruppe von treuen Anhängern um sich geschart, die ihn mit Prabhupādas fast gleichsetzten. Viele akzeptierten ihn als ihre einzige Verbindung zu Prabhupāda. Wann immer sie in seine Gegenwart kamen und wenn sie wieder gingen, brachten sie ihm Ehrerbietungen dar, ein Zeichen des Respekts, das im Allgemeinen dem spirituellen Meister vorbehalten ist. Sie folgten seinen Anweisungen bedingungslos. Einmal lief Hansadutta tagelang mit einer dunklen Sonnenbrille auf Schloss Rettershof herum, nur um die Loyalität der Gottgeweihten zu testen. Seine Vertrauten berichteten ihm von jedem, der sein Verhalten in Frage stellte. Als Prabhupāda mehrere Beschwerdebriefe erhielt, forderte er Hansadutta auf, sein Profil zu mäßigen: Ich habe gehört, dass du von den anderen Geweihten eine gewisse Verehrung entgegennimmst. Natürlich ist es angemessen, einem vaiṣṇava Ehrerbietungen darzubringen, aber nicht zu Lebzeiten des spirituellen Meisters. Nach dem Verscheiden des spirituellen Meisters wird es so weit kommen, aber jetzt warte. Nachdem er erneut ermahnt worden war, schrieb Hansadutta Anfang Oktober einen weiteren Brief an Prabhupāda. Er gestand ein, dass jeder Erfolg, den er erzielt hatte, seinem Dienst an den Lotosfüßen Prabhupādas zu verdanken war, und versprach, weiterhin nach besten Kräften seine Dienste anzubieten. Er war gerade auf der Frankfurter Buchmesse gewesen, auf der die Gottgeweihten zum ersten Mal Prabhupādas Bücher präsentiert hatten.
BHAKTI GAURAVANI GOSWAMI: Pünktlich zur Buchmesse hatten wir Die Lehren Śrī Caitanyas, den ersten Band des Kṛṣṇa-Buches sowie Leben kommt von Leben (Life Comes From Life) gedruckt. So verfügten wir an unserem Stand über drei gebundene Bücher und vier Taschenbücher. Leben kommt von Leben war für mich etwas ganz Besonderes. Anfang 1974, als ich zum ersten Mal die Kassettenaufnahmen von Prabhupādas Gesprächen mit seinem Schüler Svarūpa Dāmodara, dem Wissenschaftler, über den Ursprung des Lebens hörte, schlug ich Hansadutta vor, diese Gespräche in einem Buch mit dem Titel Leben kommt von Leben zu veröffentlichen. Die Deutschen sind im Allgemeinen wissenschaftlich orientiert, und wir dachten, eine solche Publikation würde der Predigerarbeit enorm helfen. Hansadutta konsultierte Prabhupāda, der bereitwillig sein Einverständnis gab, diese Gespräche in Buchform zu veröffentlichen: Ja, auf jeden Fall dürft ihr meine morgendlichen Spaziergänge über das Thema „Leben kommt von Leben“ in einem kleinen Buch drucken. Dieses Argument sollte verbreitet werden, da jeder intelligente Mensch davon überzeugt sein wird, dass unsere Diskussion durch und durch wissenschaftlich ist und die sogenannten materialistischen Wissenschaftler als Schurken entlarvt. Fahre also fort, so viele Bücher wie möglich zu drucken und zu verteilen; das ist deine eigentliche Aufgabe und dein persönlicher Erfolg. Als Prabhupāda Exemplare der neuen Bücher und die LP Kṛṣṇa Meditation erhielt, war er hocherfreut und schrieb begeistert an Hansadutta: Ich habe deinen Brief vom 11. Oktober 1974 sowie die neuen deutschen Bücher KRISCHNA, TLC und LEBEN KOMMT VON LEBEN und auch die Schallplatte Kṛṣṇa Meditation erhalten. Ich danke dir vielmals. Es ist alles sehr schön. Möge Kṛṣṇa dich segnen, damit du immer mehr Bücher veröffentlichen kannst. Ich denke oft an euren Frankfurter Schloss-Tempel. Die Lieder, die ich dort aufgenommen habe, habe ich heute auf der Schallplatte gehört, und sie sind sehr schön, besonders die „Gebete an die sechs Gosvāmīs“. Das Ganze ist sehr gelungen. Ich hoffe, dass die Deutschen die bengalischen Melodien mögen. Wie sind die Verkaufszahlen? Wann immer du mich einlädst, zu euch zu kommen, werde ich kommen. Gib den Frankfurter Palast niemals auf. Er ist sehr schön gelegen, umgeben von Feldern und Wäldern. Der Vermieter ist ein guter Mann; pflegt also ein gutes Verhältnis zu ihm und seiner Frau. Dein Bericht, dass sich die neuen Bücher wie warme Semmeln verkaufen, ist sehr, sehr ermutigend. Veröffentliche mehr Bücher. Treibe die Übersetzungsarbeit voran. Ihr habt das Bhāgavatam und auch den zweiten Teil des KṛṣṇaBuches noch nicht herausgebracht. Sind diese Bücher bereits übersetzt oder nicht? Und was ist mit Leben kommt von Leben? Verkauft es sich gut? Ich habe kein wissenschaftliches Studium absolviert, aber ich fordere die Wissenschaftler heraus. Sie mögen mich für verrückt halten, aber ich bin nicht verrückt. Ich habe recht. Als Prabhupāda ein Jahr später in Begleitung von Hansadutta Hawaii besuchte, erwähnte er während eines Vortrags Leben kommt von Leben.
Prabhupāda: Angenommen, ein Kind wird tot geboren. Dann wird es nicht wachsen. Es wird sich nicht entwickeln. Die Schlussfolgerung ist also ganz einfach: Auf der Grundlage des Lebendigen wächst die Materie; es ist nicht so, dass aus Materie etwas Lebendiges hervorgeht. Wir haben dazu ein kleines Buch geschrieben, und in deutscher Sprache ist es bereits veröffentlicht. Die Menschen nehmen dieses Buch sehr gerne und lesen es. Welchen Titel hat es? Hansadutta: Life Comes From Life. Prabhupāda: Nein, der deutsche Titel. Hansadutta: Leben kommt von Leben. Prabhupāda: Na satyaṁ teṣu vidyate. Den dämonischen Menschen fehlt die Wahrheit. Sie stützen sich auf falsche Theorien, auf Darwins Theorie. Wir haben Darwins Theorie auch in unserem Buch Scientific Basis of Kṛṣṇa Consciousness (Die wissenschaftliche Grundlage des Kṛṣṇa-Bewusstseins) kommentiert. Dr. Svarūpa Dāmodara Brahmacārī hat ein Büchlein geschrieben. Er hat Darwin scharf kritisiert und ihn als Spekulanten bezeichnet. Ein Spekulant kann nicht die Wahrheit vermitteln. Das ist nicht möglich.
BHAKTI GAURAVANI GOSWAMI: Um die Buchproduktion zu beschleunigen, hatten wir 1973 weitere Übersetzer eingestellt. Nikhilānanda begann mit der Arbeit am Kṛṣṇa-Buch, während Vaidyanātha den Zweiten Canto des Śrīmad-Bhāgavatam und das Hare Kṛṣṇa Kochbuch übersetzte. So befanden sich im Spätherbst 1974 zehn oder elf Bücher im Endstadium der Produktion. Als Hansadutta seinem spirituellen Meister berichtete, dass er gerade weitere Titel in den Druck gegeben habe, war Prabhupāda ebenso erstaunt wie erfreut: Welche sechs Bücher hast du in den Druck gegeben? Jede weitere Veröffentlichung bedeutet, dass du Kṛṣṇa sechs Schritte näherkommst. Deine Nachricht über weitere Publikationen, nachdem ich bereits die neu erschienenen Bücher gesehen habe, ist eine sehr erfreuliche Nachricht. Vielen Dank. Überflute Europa mit deutschen Büchern. Ich denke, dass die Deutschen das Herz Europas sind, und deinem Vorbild wird Bhagavan mit französischen Publikationen folgen. Ein Teil des Caitanya-caritāmṛta ist also schon übersetzt! Aha! Danke. Du bist ein erstklassiger BBT-Trustee.
Als Prabhupāda das deutsche Hare Kṛṣṇa Kochbuch in den Händen hielt, bemerkte er: Das Hare Krishna Kochbuch ist sehr schön geworden; besonders das Titelbild von Kṛṣṇa und Seinen Freunden beim Essen ist sehr ansprechend. Es ist wunderbar. Wir wünschen uns, in Seinen Freundeskreis aufgenommen zu werden, aber das erfordert große Entbehrung (tapasya). Über viele, viele Leben hinweg haben diese Jungen tapasya vollzogen, um in Seiner Gesellschaft zu sein und mit Ihm zu essen. Ich sehe, dass ihr den Gegenwert von 4,00 Dollar verlangt. Ja, die Bücher müssen bezahlt werden. Konzentriere dich also so weit wie möglich auf das Veröffentlichen und Verkaufen von Büchern und gib das Geld dementsprechend aus. Im Großen und Ganzen bin ich sehr zufrieden mit deiner umfangreichen Publikationstätigkeit in deutscher Sprache. Es hat mir große Freude bereitet. Für Hansadutta schien die Welt wieder in Ordnung zu sein. Prabhupāda war zufrieden, immer mehr Bücher gingen zum Drucker, das Geld floss in die Kassen, und das lukrative Weihnachtsgeschäft stand vor der Tür. Bald würde er genug Mittel haben, um seine Pläne für eine Varṇāśrama-Gemeinschaft in die Tat umzusetzen. In der ersten Dezemberwoche buchte Hansadutta einen Flug nach Los Angeles, um sich dort mit den nordamerikanischen BBT-Trustees zu treffen. Was die Buchproduktion und den Vertrieb betraf, war er bereits der unangefochtene Champion innerhalb ISKCONs. Er plante nun, einige der erfolgreichsten deutschen Buchverteiler in die USA mitzunehmen, um die dortigen Gottgeweihten zu schulen. Seine Verteiler waren im letzten Jahr zu Experten geworden. Jedes Wochenende hielten sie Kurse ab, in denen sie die besten Techniken lebhaft demonstrierten. Der Slogan über die hungernden Kinder in Indien – „Mit fünf Mark sind Sie dabei!“ – war ein einschlagender Erfolg. Leider, wie sich herausstellte, zu einschlagend.